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Artenvielfalt

Eine geläufige Fehlannahme von Mallorca ist, es hielten sich hier ausschließlich nur Deutsche auf. Dicke Deutsche, um genau zu sein, so mit ohne Manieren und so. Das stimmt keineswegs: Es gibt auch dünne Deutsche hier, normal-beleibte Deutsche, und in jeweils jeder bildungstechnischen Ausprägung, die man sich vorstellen kann.
Gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht sind außerdem Engländer und Holländer gern gesehene (weil zahlende) Gäste. Das war’s dann aber auch schon so langsam - treffen tut man sich sowieso nirgends. Am Strand von Es Trenc allerdings geschehen solch kleine Wunder, die die Herzdame dann zum Anlaß nimmt, um von “ungeahnter Artenvielfalt auf Mallorca” zu sprechen: Alle Kategorien Deutsche, Briten, Spanier, Italiener, irgendwelche Nordvölker, Schwaben, verschiedene Osteuropäer und natürlich solche, die immer versuchen, ihre Herkunft bestmöglich zu vertuschen - also auch Deutsche - sind da vertreten.
Im Verlauf eines solchen Strandtages kann ich immer viel über die unterschiedlichen Kulturen lernen, während ich bemüht bin, auf meiner Strandliege nicht wund zu liegen. Was da so alles rum- und vorbeiläuft… Heinz Strunks wunderbares Buch “Fleisch ist mein Gemüse” hat meinen Aufmerksamkeitssinn in einem Punkt der Pärchenanalyse ganz besonders bereichert: Wie es wohl bei manchen sein kann, daß sich zwei so häßliche Leute gegenseitig geil finden können. Herrlich, ein wahres Fest, dieser Gedanke.
Tjaja, der Mensch ist eben kein Beilagenesser, auch wenn einige sich so benehmen. Da ist das Meer mit 26 Grad eindeutig zu kalt und vor allem viel zu türkis, der Strand zu heiß, die Sonne zu grell, oder eine Schönwetterwolke macht zuviel Schatten, der Wind ist zu stark, in der Sonne ist es aber zu heiß… Mann mann mann, man möchte sie echt heimschicken, wo sie sich nur aussuchen brauchen, in welcher Regenjacke sie rumlaufen mögen. Selbst bei perfekten Bedingungen finden sich dann im Wasser Reste von Hochseealgen und einige Fetzen Seetang. -Ein klarer Grund, bei knietief in so einem völlig verdreckten Meer einen Ekelanfall zu bekommen und linea recta das rettende Ufer wieder anzusteuern. Das sind dann genau die Leute, die in der Sushi-Bar alle 34 Algensorten mit Namen kennen und sie mit dem höchsten Genuß um ihren rohen, kalten Fisch gewickelt verspeisen. R-e-diculous!

Schauspielerin

Sie ist ohne Zweifel die größte Schauspielern unter den ganzen Selbstdarstellungs-Profis hier auf Mallorca! Sie braucht keinen Ferrari Spider, auch keinen Ascona Cabrio aus 82. Sie zieht Ihre Show konsequent durch, tagein, tagaus.
Als ich sie das erste Mal sah, fiel mir sofort ihre Frisur auf - oder auch das, was sie mit ihren Haaren gemacht hat: Rasta-Alarm der aller ersten Güte! Wie man sich bei den Temperaturen ein Naturschutzgebiet auf seinem Kopf einrichten kann, ist mir komplett schleierhaft. Dazu passend trägt sie Schlabberklamotten, alles extrem “grungig” (Hey, gibt es Grunge eigentlich noch, oder war das Kapitel mit dem frühen Tode Cobains besiegelt?). Dazu passt auch vortrefflich das Lippenpiercing, welches ihr zugegebenermaßen zu dem verlotterten auch noch ein verruchtes Aussehen verleiht.
Die deutsche Touristin hält ihre von teurer Anti-Faltencreme und Selbstbräuner konservierten, allerdings weit von faltenfrei entfernten Finger, die mit etlichen Goldringen unterschiedlichster Qualität behangen sind, maximal 1mm über das Backgut, das unsere Medusa hier den liquiden Touris gegen Geld verkauft. “Und eines hiervon… noch 2 davon… zwei… ja, zwei…z-w-e-i… ja… Helga, soll ich von den langen auch noch? -Ja, drei Stück!” -Die Medusa versucht indessen, der reichen Witwe die Grundzüge des Spanischen beizubringen: “Un… dos… tres” belehrt sie die alte Frau komplett erfolglos während jeder ihrer Bestellungen. Erfolglos deshalb, weil die gute grande Dame wohl glaubt, hier müsse man dankbar die Devisen annehmen, die sie ins Land bringt.
“Sie, die Medusa” ist übrigens Nancy, ihr Freund ist Argentinier, und die beiden führen hier gleich nebenan eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Bademoden-Shop, der so gut wie ganztags geöffnet ist und einen so von morgendlichen Backwaren und der obligatorischen Bildzeitung über nachmittagliche Eisgelüste und abendliche Abendessenszutaten bis hin zur Nachschub-Weinflasche versorgt. Ihr Freund, ein typischer Aussteiger, der viel zu dünn und viel zu braun ist, kann ein paar Brocken Englisch und anderthalb Worte deutsch. Die muß ihm mein Onkel irgendwann mal beigebracht haben, von Nancy kennt er sie jedenfalls nicht. Die spricht perfekt Spanisch, und das besonders gnadenlos mit den Touris. Keine Chance auf heimische Töne, da ist Nancy streng. Als die besagte Touri-Schrulle bezahlt hat, äußert Nancy, was sie von den ganzen Deutschen hier hält, die mit dickem Geldbeutel, aber ohne ein Wort Spanisch nach Mallorca kommen: Sie schüttelt sich, als ob sie sich ekelte. Sie kann nicht wissen, dass mich ähnliche Empfindungen befallen, wenn ich mir beim Brotkauf ihr Rasta-Biotop anschaue und bei der weiteren Musterung an den Nahrungsresten an ihrem Lippenpiercing hängenbleibe. Mag sein, dass andere sowas wie Nancy sexy finden, wahrscheinlich ihr Argentinischer Lover, vielleicht gerade wegen des Verruchten, aber bitte, ich mag gar nicht drüber nachdenken, wie sie wohl unter den Armen oder auf dem Kopf riecht, wenn Nancy mir im besten Spanisch mein Ciabatta einpackt.
Doch warum ist diese Frau nun eine Schauspielerin? Authentischer kann man doch gar nicht sein: Der große Traum vom Aussteigen dort gelebt, wo andere Urlaub machen. Den Lebensunterhalt ehrlich, aber mit Passion durch Arbitrage verdienen. (Übrigens ist ihr Macker ein schlechter Kaufmann, denn den Wein von José L. Ferrer verkaufen die beiden billiger als jeder andere Tante-Emma-Laden auf der Insel!) Und Nancy, die alles haßt, was Deutsch-sein landläufig mit sich bringt: Also mit Fingerzeig und auf Deutsch bestellen, Bild-Zeitung lesen und immer pünktlich, immer intellektuell, immer genau und sauber - diese Nancy, die uns alle glauben macht, sie sei auch argentinische Vorzeige-Aussteigerin, kommt in Wirklichkeit aus einem Nest in Sachsen. So, jetzt isses raus. Hätte ich nicht einen Onkel hier, der mit der in meiner Familie (väterlicherseits) offenbar tief verankerten “sympatisch-charmanten Unverschämtheit”, wie ich das gerne umschreibe, einfach mal barsch der guten Nancy auf den Zahn gefühlt hat und so wahrscheinlich der einzige ist, der weiß, daß die gute sich hier einen zusammenschauspielert, wenn sie zähneknirschend und verachtend tagtäglich ihre Landsleute bedient, würde ich heute noch darüber grübeln, warum mich diese Hippie-Trulla wohl nicht mag. Tjaja, die Nancy… obwohl: Ginge es nach meinem Onkel, hieße ich auch Michele oder Manfredo und die Herzdame Jennifer (when in Germany) oder Conchita (hier auf Malle)…

Land of Plenty

Alles hat es hier, wirklich alles: Wetter, Wetter, Wetter, Sonne, Sonne, Sonne, und nie weniger als 27 Grad. Außerdem Kneipen mit Warsteiner, Erdinger, Bitburger, sogar Licher. Cafés mit Schwarzwälder Kirsch, Buttersahne, und wenn es sein muß auch Diabetikerkuchen. Kännchenkaffee, türkischer Mokka, Cappuccino italiano, Kaffee Hag. Paella, Schwertfisch, Calamaretti, Tapas, Currywurst, Döner, Thüringer Bratwurst. 2er Golf, Ascona Cabrio, SLK, CLK, SL, einige Spider aus Maranello und eine Viper aus Wetzlar mir Motorschaden. -Echt alles hat’s da. Auch groß, klein, fest, weich, dick, dünn, stehend und hängend, Göttinnen wie Vogelscheuchen, Proleten und Gentlemen, Sandale oder Lackschuh. Alles hat’s da!
Aber wehe, wehe Du willst mußt mal ein wenig den mitgebrachten Firmenlaptop aufklappen, weil daheim sonst einige Dinge anzubrennen drohen und Du deinem Chef versprochen hast, wenigstens “ab und zu, wie es sich halt so ergibt” mal die Mails zu checken und mal anzuklingeln. Weil Du dir auch “in den nächsten Tagen irgendwo einen Hotspot suchen” gehen wolltest. Deswegen stapfst Du an blanken Ärschen und Brüsten, gestählten wie extrem schwabbeligen Bäuchen, an vollen Bierhumpen und halbleeren Caipis vorbei, mir der Laptop-Tasche über der Schulter und versuchst, ein möglichst urlaubshaftes Gesicht zu machen. Den Tune, den Du pfeifst, kennst Du selbst erst seit der letzten Kreuzung.
Das Experiment, wie ein Held der New Economy rüberzukommen, der in Badelatschen, Freizeithemd und Hilfiger-Badeshorts mal eben daheim nach dem Rechten schauen will, damit auch ja sichergestellt ist, daß der nächste Pitch nach Plan verläuft, scheitert kläglich beim ersten Zusammentreffen mit der Fleischereifachverkäuferinnen-Fraktion: “Pah, sieh mal, der hat sich seinen Laptop mitgenommen, damit es ihm am Strand nicht so langweilig ist.” -Extreme Fehleinschätzung, junge Frau, aber Du kannst ja nichts dafür. Irgendwie schaffe ich es aber auch auf den folgenden 800 Metern nicht, die Aura des bunten Hundes von Paguera abzulegen, denn ich bekomme Blicke, Kommentare, bedauerndes Lächeln. Irgendwann sagt ein Familen-Pappa mit Currywurst: “Mensch schau mal, der ist aber wichtig!” Das reicht! Wenn ich hier schon im Ausland fürs Brutto-Inlandsprodukt was tun muß, dann habe ich doch wenigstens ein bißchen Respekt verdient.
Mein anderthalbstündiger “Spaziergang” durch den sehr touristisch geprägten Ort wird immer wieder erheitert, in dem ich in alle Gebäude, wo irgendwas mit “Internet”, “@” oder “Email” außen dransteht, reingehe, um dort nach höflichem Fragen mit großen Augen angeschaut zu werden: “Nein, wir haben hier Internet, aber mit Ihrem Computer können Sie nicht ins Internet, wir haben ja nichtmal einen Drucker.” Gut, junge Frau, das hat damit auch nichts zu tun, aber seis drum. Im besten Hotel am Platz hat man zwar weiße Handschuhe an, aber dafür nur eine Internet-Station mit Monitor hinter Glas und Tasten aus Edelstahl. Danke, nein, hilft mir wieder nicht weiter. (Ich frage mich nur, was an diesem technischen Fossil den Concierge glauben läßt, es handele sich dabei um WiFi…) Richtig Stil hatte dann endlich das einzige Internet-Cafe am Platze, wo ich WLANen können sollte. Endlich, ich am Ziel, nur eine Stunde nach Beginn der Suche. Mit dem Passwort auf dem Zettel, selbigen in der Hand suchte ich mir ein Plätzchen möglichst weit weg vom Einzugsbereich der brutal kalten Klimaanlage und wartete gespannt auf die erste Gelegenheit, mich ins erste drahtlose Netz des Tages einwählen zu können. Gut, ich war wohl zu naiv und hatte den Spanien-Faktor außer Acht gelassen: Geht nicht gibts da nämlich! Ich versuchte höflich zu bleiben und insistiere darauf, daß nicht mein Laptop defektiv war, sondern deren Netzwerk. Ich, der devisenbringende Tourist, erntete mit diesen hoffnungslosen Versuchen um Lösung des Problems nur mehrfache “Sorry… sorry…. well… sorry” -’Und da ist die Tür, Du Depp’ ergänzte ich im Geiste.
Und so schnell überschreitet man in der modernen Welt die Grenze zum Kriminellen: Auf der nächsten Parkbank klappte ich wieder mein Notebook auf, um mich ganz frech ins nächste offene WLAN zu klemmen, was ich finden konnte. Auch auf einer Bank 300m weiter hatte ich keinen Erfolg: Zwar gab es WLANs wie Sand am nahen Meer, allerdings hat den Spaniern zwischenzeitlich wohl auch irgendwer erzählt, daß es durchaus Sinn machen kann, diese zu sichern.
Abgekämpft und total frustriert über soviel kaufmännische Ignoranz der Telefonica, nicht in jedem 2ten größeren Café mal einen HotSpot zu installieren, quälte ich mich mit der Tasche über der Schulter wieder nach Hause. Ich kam mir irgendwie vor wie einer, der im Busch nach der nächsten Telefonzelle gefragt hat. Nur gut, daß es hier sonst echt alles hat.

Krieger

Gegenüber der Museumsinsel in einer der unzähligen Strandbars nachmittags um drei eine Bionade, verbleit, versteht sich. Das erste Extra des Tages, ein klein wenig abschalten von den zweit-unangenehmsten Aufgaben eines Produktmanagers.
Sein wir ehrlich, nur eine Sekunde: Wer den Preisen, die ich im Koffer hatte, zugestimmt hätte, der muß entweder ein schlechtes Gewissen haben oder ein betriebswirtschaftlicher Super-GAU in Person sein. Stattdessen Bestürzung und Irritation auf beiden Seiten. Meine habe ich bereits mitgebracht, die der Gegenseite habe ich durch Nennung von nur einer Zahl erzeugt. Sich dabei noch in die Augen schauen, gegen die tiefste eigene Überzeugung das aussprechen und einfordern, was den Gegenüber nur brüskieren kann - schauspielern mußt du hier können, nicht handeln! Danach reinen Gewissens in den Spiegel schauen? -Besser nicht. Zurück mit leeren Händen und dem Wissen, hier gerade etwas kaputt gemacht zu haben. Vor allem wider besseres eigenes Wissen, aber das interessiert den Häuptling wenig.
Rahmenprogramm sehr gut, auch der Käfer im Reichstag bekommt was ab von unserer Verhandlungslaune. Zurück im Flughafen dann wässrigen Cappuccino aus dem Automaten, zurückjetten im Flieger mit aufgesetzter No-Frills-Freundlichkeit und einem ganzen Trupp sogenannter Business-Leute, die sich eher nach Puffgänger aufführen und tellergroße Schweißteiche unter den Armen zur olfaktorischen Teilhabe am Geschäftemachen auspacken. Jeder, wie er es verdient.
Carpe diem, tröööröööööh.

Der Kollege sagt grad…

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… daß wir das heißeste Büro von allen hier haben. Aktueller Wasserstand im Corpus: 3,5 Flaschen Wasser, Tendenz steigend. Noch Fragen? -Achja, mich würde interessieren, warum HP seinen Druckern per Qualitätssicherung erlaubt, sich ab 30 Grad Raumtemperatur abzumelden. Das zeigt mir doch, daß es offensichtlich Standard ist, daß Büros klimatisiert sein sollten. Das freut die Drucker und die Menschen.
Schon schlimm, wenn man abends in einer klimatisierten Muckibude besser performen kann als über Tag in dieser Sauna, in die jemand PCs gestellt hat.

Es ist mal wieder richtig Sommer

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Noch Fragen? -Wenn die Tastatur wieder ein wenig abgekühlt ist, schreibe ich vielleicht noch was dazu.

Freunde zu Gast beim Weltmeister

Na was ein Glück: Deutschland hat es doch tatsächlich ins Viertelfinale geschafft! Und zu Recht ist das Land ganz in Trance: Ungeschlagen seit Turnierbeginn, das können sonst nur die Brasilianer. Oder die Italiener, solange sie nur genug nachtreten oder um sich schlagen.
Auferstanden aus Ruinen ist nicht nur der deutsche Fußball, sondern auch das Nationalgefühl. Völlig befreit, so scheint es, schwenkt nun jeder seine Flagge und bindet sich nicht eine, nein besser gleich zwei ans Auto. Dieser Tage ist es kein bißchen seltsam, stolz zu sein, ein Deutscher zu sein. -Hat man sowas sonst mal laut gesagt, gehörte man gleich ins rechte Lager. Also was soll’s, Haltung angenommen und die Hymne aus voller Brust!
Deutschland-Polen habe ich übrigens in Polen mit Polen geschaut. War ja eine arg traurige Vorstellung - von den Polen. Umso ärgerlicher war es dann auch noch, daß die Polen aus der deutschen Bild-Zeitung erfahren haben, daß der Coach noch in der Vorrunde das Handtuch geworfen hat. Das saß dann tief. Allerdings klappt die Völkerverständigung doch immer wieder bestens, wenn sie mit leckerem Bier und kulinarischen Schätzen begangen wird.
Einmal mehr liegt jetzt nach meiner Reise durch Polen und in die Slowakei (ich merke an: wieder ein Land auf der Europa-Karte abgehakt!) die Erkenntnis vor, daß man Länder, Völker und ihre Geschichte erst dann verstehen kann, wenn man dort war.

Chicago, the windy city

Letztes Wochenende war ich -weil ich nichts besseres zu tun hatte- in Chicago. Für einen Kurztrip. Und weil es ja auch kein big deal ist, für ein als höchst überflüssig geglaubtes Internetmarketing Seminar binnen weniger Tage 8000 Prämienmeilen auf die Miles&More-Karte zu ballern und für 48 Stunden Aufenthalt mit Wissensinfusion 30 Stunden zu reisen.
Aber gut, ich war ja immmerhin mal wieder vor der Haustüre und hab neue fremde Betten kennengelernt. Da fragte mich doch noch gestern der Typ aus der Buchhaltung, warum ich denn bei 4 Tagen Reise nur 2 Übernachtungen abrechnen würde. Gerne hätte ich ihm meinen Rücken und meine Beine antworten lassen, daß das unglaubliche Phänomen der Erdrotation für diese Sparmaßnahme zuständig war. Ich verzichtete und sagte im nur, daß ich eine Nacht im Flieger war. Apropos Flieger. Mann mann, was ist das doch alles für ein Nepp! Gestern abend war ich im Kino und hatte einen besseren Sitz als in der Economy-Class von United Airlines! Und die Leinwand war auch größer, vom Sound gar nicht zu sprechen! Menschen mit meiner Körpergröße bzw. Beinlänge haben da aber auch echt nichts zu lachen. Eingepfercht und bewegungsunfähig vertreibt man sich mit ollen Filmen die Zeit über den Wolken, nur unterbrochen von menschlichen Bedürfnissen, Airline-abhängigen kulinarischen Verbrechen und dem Bewegungsdrang nachgegeben habenden Spaziergängen mit der Kamera im Anschlag.
Mit etwas Glück gibt es irgendwo eine interessante Konversation, der man lauschen kann. Mit meinem üblichen Pech hingegen hat man so Spaten vor sich sitzen wie den einen frankfurter Yuppie, der mich bald in den Wahnsinn getrieben hat. Der sitzt neben einem hilflosen indischen Geschäftsmann und textet den armen Menschen von A bis Z in seinem extrem vergeblichen Englisch für zum Davonlaufen zu. Auf einmal hör ich diesen Schmock sagen: “the advantage of Germany is that it’s big, and India is small, you know?” - und es reißt mich bald vom Stuhl.
In London verlaufen wir uns erstmal ganz klassisch, gehen nicht durch die “Connection flight”-Schleuse sondern reisen mal eben ein. Die nette Dame am United-Schalter stellt dann an unser Statt fest, daß es arg Zeit wird, zum Gate zu gehen und bringt uns im Stechschritt durch die Security und zu einem Gefährt, das sonst nur Ältere und Gehbehinderte durch den Flughafen kutschiert. Gut, ein wenig peinliches Auftreten gehört halt dazu, wenn man was erleben will. Beep-beep-beep-beep… so geht es im super-pursuit mode durch Heathrow, unser Fahrer brüllt alle, die uns im Weg stehen aus sicherer Entfernung zusammen, sodaß gerade so niemand zu Schaden kam. Was ein Erlebnis!
Etwas weniger relaxed ging es dann mal wieder bei der Einreise in die Staaten zu. Man machte 2 Warteschlangen: Eine für die ehrenwerten american people, die andere für die Terroristen. -Rate, in welcher Schlange wir fast anderthalb Stunden standen! Dieses Land ist echt das allerletzte, ein Überwachungsstaat par excellence, wo einem eine Gestapo ‘willkommen’ heißt. What a great country!
Wer mal nach Chicago reist, der sollte es dringend vermeiden, in einem Subburb wie Itasca abzusteigen. Wenn überhaupt ein Taxifahrer dahin kutschieren will, dann kostet das $55 ab O’Hare. Mit der Bahn nach Downtown sind es zwar nur $5 ($80 gegnüber einem Taxi gespart), aber dafür dauert das Unterfangen gleich 40 Minuten. Wirklich viel gesehen habe ich natürlich nun nicht wirklich, aber immerhin war ich auf dem Sears-Tower und habe mir das Spektakel von oben angeschaut, was angesichts der 412 Meter hohen Aussicht schon was hermacht. Rauf geht es da echt wie im SciFi-Film: Mit 488 Meter pro Minute, also knapp 30 km/h. 12 Dollar, die sich lohnen. Wenn jetzt noch die Fenster sauber gewesen wäre, hätte ich noch bessere Fotos…
Auf dem Rückflug gab es noch eine skurrile Figur - die Amis haben es ja immer so mit der Religion. Da sitzt also dieser Meat-Loaf, schiebt das Tablett mit dem Frühstück beiseite und packt ein schwarzes, in Leder gebundenes Buch aus. Dazu hängt er sich zur Deko ein riesiges, goldenes Kreuz um den Hals und beginnt sein Lektüre-Ritual. Am Ende laufen ihm dann aus den erfüllten Augen dicke Tränen über die fleischigen Wangen. Zum Abschluß küßt er die Bibel. -Kinder, laßt die Finger von den Drogen!

Neulich in München

Hilton, Englischer Garten. Wieder eine dieser Fachmessen mit Konferenz-Angebot. Auf der einen Seite Pflichttermin, um endlich ein wenig mehr fundiertes Wissen über Suchmaschinenmarketing anzuhäufen einzukaufen, auf der anderen Seite eine extrem willkommene, wenn auch anstrengende Gelegenheit, dem Alltag zu entfliehen. 5 Sterne deluxe, na schön, wenn Ihr meint. Sollte ich irgendwann mal das Geld zum Sch***en haben, werde ich mir Hotels mit 6 oder noch mehr Sternen suchen müssen, in der Hoffnung, daß die wenigstens ihr Geld wert sind. Aber ok, immerhin Klassen besser als in Boston, und sogar nur halb so teuer.
In den Konferenzräumen das gewohnte Bild: Schreibblock, Werbekuli, Getränkeauswahl (Cola, Fanta, Wasser mit, Wasser ohne, Wasser ganz ohne, O- und A-Saft), dazu Pfefferminz vom Werbepartner. Platz nehmen auf diesen Konferenz-Stühlen, von denen ich so langsam den Verdacht habe, daß es auf der Welt nur eine Firma gibt, die Konferenzräume bestuhlen darf. So gesehen ist München auf einmal München, Gerolstein, Bad Neuenahr, Boston, Bad Godesberg. Komplett austauschbar, das alles - chairwise, versteht sich.
Das selbe gilt für die Gesichter, die da rumlaufen, auch Austeller und Redner genannt. Allesamt Messehuren, die das ganze Jahr durch die Kongresse tingeln oder tingeln müssen. Neue Leute zu treffen wird schon schwer, wenn man mal so zwei-drei Kongresse zum selben Thema besucht hat. Oder auf einer Fachmesse war, da treffen sich eh alle wieder. Kein Wunder, daß man aufpassen muß, nicht nach dem dritten Stand schon breit zu sein, bietet einem als “guter Bekannter des Hauses” jeder gleich ein Gläschen an. Beinahe ekelhaft gestaltet sich dieses Buhlen um neue Kunden, die Gesichter dieser Menschen am zweiten Messetag sprechen Bände. Aber Hauptsache man bringt genauso viele Visenkarten mit, wie man selber verteilt hat.
Zurück nach München, auch wenn es schwerfällt. Das beste an diesen beiden Tagen ist das, was ich mir notiert habe. Die Powerpoint-Abdrucke sind so gut wie unbrauchbar, reine Werbeprospekte. Nun ja, fast. Eine willkommene Abwechslung ist das Essen. Fünfzehnter Stock, hoch über München, zum gemischten Vorspeisenteller bestaune ich die Alpen. ‘Nimm keinen kalten Fisch’ hat mir eine Kollegin geraten, der das letzte Hilton-Essen nicht ganz so wie geplant bekommen war. Ich halte mich dran und genieße, was die Küche so hergibt. Schließlich habe ich der Firma 40 Euro auf den Zimmerpreis gespart und bin stattdessen mit einem Schokoriegel und einem schwarzen Tee aus dem Wasserkocher in den Tag gestartet. Beim Zuckereirühren denke ich mir noch, daß ich echt bescheuert gewesen sein muß, den günstigsten Preis im Internet gebucht zu haben, weil ich nun wegen bekloppter Reisekostenregelung der Gelackmeierte bin. Kein Frühstück im Bauch, dafür aber kaufmännisches Geschick bewiesen weil günstig die Übernachtung gebucht. Nähme ich Frühstück, wäre mein Tagesanfangsbudget minus 17 Euro. -Hol das mal wieder rein in einer Stadt wie München!
Irgendwie stecken mir auch noch die 2 mal 40 Minuten Fußweg vom Vorabend in den Gräten, als wir auf der Suche nach angemessener Abendverpflegung und durstlöschenden Getränken im Stechschritt quer durch den Englischen Garten in die City getobt sind. Oder kommt der Jetlag doch von dem letzten Weizen an der Hotelbar, mit dem ganz sicher irgendetwas nicht gestimmt haben muß?
Eines ist sicher, der Tag geht noch irgendwie rum. Dazu trägt der Referent da vorne jetzt erheblich bei. Sein Name klingt deutsch, aber ich muß mich sehr zur Konzentration rufen, um sein Kauderwelsch zu verstehen. Er entschuldigt sich, er müsse erst wieder sein Deutsch reaktivieren, da er gerade 3 Monate in Japan gelebt habe. Ich lausche gespannt seinen Worten, denn das lohnt sich allein schon vom Unterhaltungswert. Japan? -Keine Bohne! Das ist astreines Spanier-Deutsch mit tschechischem Akzent. “Bie chaben bier bor, das Proplem ßu löse?” -Keine Ahnung Jaun-Pavel, aber sag doch bitte nochmal “Qual der Wahl“!
Ein paar Stunden später schaukelt mich die S-Bahn durchs Münchner Vorland zum Flughafen. Eben noch konnte ich den Anflug von Mißgunst abwenden, der mich erfaßte, als ich im stark böigen Wind an der Bushaltestelle stehend versucht habe, meine Kleidung zu kontrollieren, als ein maximal gleichaltriger aber 10mal stärker gebräunter Juppie im Designerzwirn den Chicks in der Hotel-Lobby winkend selbige verließ, um nach einem kurzen Druck auf die Funkfernbedienung seinen im absoluten Halteverbot parkenden 911er zu aktivieren, lässig sein Aktentäschchen in den Kofferraum zu werfen und schließlich alle Zylinder boxend das Terrain verließ. Vierzig Minuten drauf durchlaufe ich den ganzen Franz-Josef, kaufe mir noch eine Zeitung, die ich lese, während ich versuche, mich nicht über die halbe Stunde Verspätung meines Fluges zu ärgern. Gut, daß ich mir nichts zu essen gekauft habe, sonst würde ich wahrscheinlich die Salzstangen, die mir die freundliche DBA mit einer Cola Light (”Mit Zitronenscheibe und Eis?” gereicht hat, verschmähen müssen. Nein, dieser Fluglinie gebührt mein unbedingtes Lob. Getränk, Snack, Zeitung und ein Magazin - alles inklusive. Auf dem Hinflug war es noch der Focus Money, auf dem Rückflug mußte es der Playboy sein. Die DBA weiß eben, was Männer wirklich wollen: Feierabend.

Mit meiner Lateeeeeeeeeeerne….

In anderen Kulturkreisen stünde dieser Tage wieder mal mein Namenstag an. Nun ist das ja bei uns so wenig verbreitet, daß ich das selber nichtmal genau weiß, wann ich denn nun an der Reihe bin. Googeln hilft da zwar, aber mehr als schön zu wissen, daß es der 11.11. sein wird, ist es nun einmal nicht. Außer, daß da die Bekloppten ihren Startschuß in diese unsägliche Erfindung des Brauchtums “Karneval” erleben und begehen, werden die Rheinländer wohl nichts anderes mit diesem Datum verbinden.
Umso schöner ist da dieser Brauch mit den Laternenzügen. Vor gut einer Woche flatterte uns hier eine Ankündigung in den Briefkasten, wahrscheinlich vom Kindergarten auf der anderen Straßenseite. Dort war von einem Laternenzug durch unsere Straße die Rede, und daß man doch bitte eine Kerze oder sonstwas stimmungsvoll Illuminierendes in seine Fenster stellen solle, damit die Kinder was zum Gucken hätten. Verziert war das ganze dann durch einen namenlosen Künstler mit etwas, das mich nach zwei Pullen Rotwein durchaus an eine Blume erinnern könnte.
Heute jedenfalls war dann der Umzug. Unsere Fenster waren selbstverständlich unbeleuchtet, wie könnte es auch anders sein! Als ich diese kleinen Racker dann aber durch die Straßen hab ziehen sehen, ist mir doch etwas sentimenal geworden. Alle so putzig im dicken Anorak (sagt man das heute noch zu warmen, unmöglich geschnittenen Jacken?), mit der Laterne in der einen Hand und Mutti an der anderen, und natürlich aus voller, stolzer Brust die typischen Gesänge intonierend: “Ich zieh mit meiner Lateeeeeeeeeeeeerne, und meine Laterne mit mir”. Oder auch “das Licht ist aus, wir gehn nachhaus, rabimmel rabammel rabumm“. Und so weiter, und so weiter. Wäre ich noch länger da draußen dabei stehen geblieben, hätte ich mir wohl eine Laterne “organisiert” und wäre mitgelaufen, die Texte konnte ich jedenfalls noch weitgehend mitsingen.
Aber ach, was wäre das für eine klägliche Vorstellung geworden? -Nur mitgehen, um sich als Besserwisser da einzumischen und die Peinlichkeiten und die Schmach der eigenen Laternenumzüge zu lindern? Nein, macht man nicht. Kinder müssen da durch, jedes Jahr von neuem. Ich erinnere mich gut an meine Laternen. Und auch, daß ich jedes Mal zu denen gehörte, die das Teil immer -mehr oder weniger- heil und am Stück wieder mit nach Hause gebracht haben. ‘War ja klar, du ewiger Spießer’ sagen die einen, die anderen werden mir wohl wieder den Lamer anzuheften versuchen. Das größte Drama meiner Martinsumzüge waren damals auch keine Wachsflecken in dem Lampion und ständig ausgehende Kerzen, sondern vielmehr die dauernden Hänseleien durch all die Schwachmaten, die das zweifelhafte Glück hatten, einen Namen zu tragen, der mit keinem Event einherging.
Gerechtigkeit kam dann damals dewegen auch in mehreren Formen: Ich erinnere mich noch als sei es gestern gewesen, an heulende Kindergartenkameraden, deren Mütter die lichterloh brennende Laterne mit dem Laternenstecken als Schürhaken brandmeisterlich fachmännisch am Straßenrand den Elementen übergaben. Wem das 200 Meter nach dem Start passierte, bei dem war wortwörtlich “das Licht ist aus, wir gehn nach Haus” angesagt, aber sowas von! Im nächsten Jahr wollte man dann cooler sein und vor allem nicht mehr zum Gespött des ganzen Zuges werden, und vermied es deshalb, den Erfolg auf so lächerliche Dinge wie eine sichere Kerze zu bauen. Technische Aufrüstung war das Gebot der Stunde, als die Laternenstecken auf einmal einen Batteriegriff hatten und vorne ein Birnchen dranhing. Energietechnisch waren die Teile eine absolute Katastrophe, wurden doch die mit Anerkennung belohnt, die so schlau waren, sich eine Ersatzbatterie für die letzten 800 Meter mitzunehmen, wo bei anderen schon längst aufgrund versagender Babyzellen dunkel im Karton war. Ich hatte dann irgendwann auch mal so ein batteriebetriebenes Teil, und alles, woran ich mich in diesem Zusammenhang erinnere, ist die wohl einzige jemals durchgebrannte Birne, die je auf einem Martinszug in einen Lampion gesteckt wurde. Tja, so spielt das Leben eben. Da helfen auch keine Schmalzbrote und kein heißer Kakao am Ende des Zuges (wobei heute sowieso unendlich fraglich erscheint, ob diese Nahrung bezüglich der biochemischen Prozesse, die solch eine fatale Kombination in einem Kinderinnenleben auslöst, wirklich ein geeigneter Anreiz für die Teilnahme an einem Martinszug sein kann).
Aber ich wäre wohl sicher nicht ich, hätte ich nicht damals schon das Risiko gemieden und in Form einer mitgebrachten Backup-Kerze antizipiert…

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