Kampf der Kulturen
Geschrieben in Traumdieb & Umwelt am 12. Dezember 2007 0 Kommentare »
Noch 5einhalb Stunden sind es bis Miami, und offen gestanden möchte man angesichts des durchaus als “würzig” zu subsummierenden Geruches in der von meiner Lieblings-Airline betriebenen Boeing 747 am liebsten nur noch in einen komatösen Schlaf fallen oder aber sich mehr von der edlen Brause oder dem vergorenen Traubensaft aus der Boardküche holen. Kommt auf’s gleiche raus: Ausschalten oder zumindest Dimmen der Wahrnehmungsreize.
Eine geschlagene Stunde hat es gedauert, bis endlich jeder seinen Platz hatte. Etwas befremdlich ist das schon, denn meine Platznummer haben die von der Lufthansa mit beim Einchecken freundlicherweise gleich mit aufs Ticket gedruckt - die ahnten wohl, daß ich lieber am Schalter über meinen Sitzplatz verhandle als an Board. Da wurde munter umdisponiert, als ginge es um Hotelzimmer oder das Erbteil. “Ja aber mein Mann sitzt jetzt da hinten”, “Ich habe einen Gangplatz gebucht!”, “Nein, ich stehe hier überhaupt nicht mehr auf!”, “Es zieht hier so”, “Haben Sie noch einen Notausgang?” -und dazwischen die Herren und Damen in der Uniform mit dem Kranich, mit Engelsgeduld “Macht es Ihnen etwas aus, wenn…?” Ja, offensichtlich macht es den meisten sehr wohl etwas aus. Da treffen die Kulturen aufeinander. Keine 10 min sitze ich in diesem Flieger und schon habe ich mindestens fünf Sprachen gehört.
Da ist Rodriguez (ich habe natürlich keine Ahnung wie der Mann heißt, er ist jedenfalls totsicher ein Hispanic). Der hat den iPod auf den Ohren und wohl für den langen Flug extra seine persönlichen Greatest Hits draufgepackt. Jedenfalls intoniert er völlig unbeeindruckt von den anderen 100 Passagieren in unserem Kabinenabschnitt “ohhhh Mariaaaa, Mariaaaaa….” - muß ja ne ganz dolle sein, denn entweder hat er den Player auf Dauerwiederholung und jedes Lied handelt von Maria. Der spricht also Spanisch. Und Englisch, wie er seinem Sitznachbarn, der eigentlich nur versucht, seine Computerzeitung zu lesen, eindrucksvoll in kurzweiligen Plaudereien zu demonstrieren versucht. Er geizt dabei nicht mit Körpersprache, schließlich ist man auf 10300m und mit nur 10cm Schweißdrüsenabstand quasi Familie.
Vorne sitzt eine asiatische Mutter mit asiatischen Kindern. Die schlafen, was es nicht besser macht, daß mir beim Öffnen des Zeitungsfaches über ihnen die ganze Wochenauslage frischer Hochglanzmagazine entgegenkommt und unsanft auf ihrer Famile niederprasselt. Ich entschuldige mich höflich, schließlich ist es mir saupeinlich, daß gerade die GQ, das schwerste und am solidesten gebundene Magazin, ihrem Jüngsten mit der Bindekante auf den Kopf gefallen ist. Hilft nix, da muß er durch, und ihren Schimpfanfall auf einer Sprache, von der ich sicher nichtmal gehört habe, kann daran auch nichts mehr ändern. Von wegen, Asiaten seien so tempered. Bei den Bambini hört es wohl auf. Italiener sitzen schräg vor mir, haben Rastas respektive verfilzte Haare, sind unrasiert respektive ungewaschen und schlafen. Das “wie immer” verkneife ich mir jetzt nicht, denn wann immer ich junge Italiener reisen sehe, sehen die genau so aus: verlottert, verzottelt und garantiert noch nicht unterm Wasser gewesen heute.
Vor mir sitzt ein Finne mit seiner Frau. Wir mögen uns ab Sekunde eins schon nicht. Sowas gibts: Da steht man in der Security und hat nur einen Gedanken: Hoffentlich sitzt das Arschloch nicht neben mir! Tut er nicht, super, dafür sitzt er vor mir. Und da kann er mich noch viel besser ärgern. Hat wie ich sein Notebook offen und werkelt an einem Text, der sehr viele Jahreszalen enthält. Wie gesagt, ich halte ihn für einen Arsch, denn er stopft dauernd seine Decke und sein Kissen unter seinen Sitz, also zu meinen Füßen. Stört ihn gar nicht, findet er wohl normal. Gut, soll er sie haben, die Limburger! Er fliegt übrigens mit permanent nach hinten geklapptem Sitz. Das sorgt dafür, daß ich kaum aus meinem Sitz rauskomme, geschweigedenn meinen Text auf dem Bildschirm lesen kann, denn die Tastatur habe ich fast am Kinn. Also jetzt übertrieben gesprochen, aber so ähnlich. Kann ich was dafür, daß seine Frau 10 Jahre älter aussieht als er? Warum läßt er das an mir aus? Weil dieses Brett von Model-Italo-Spanierin mich beim Reinkommen angeschaut hat, während sie ihre Sitznummer gesucht hat? Immerhin war ich es nicht, der besagter Hammerfrau eine gefühlte halbe Stunde auf den Arsch geschaut hat!
Ein Hammer ist auch das Paar neben mir. Warum hab ich immer so ein Pech? Letztes Mal das Ehepaar, das mich mit Keksen gefüttert hat und über die ich aus Faulheit vergessen habe zu schreiben. Er Marke Erdkunde-Lehrer, in Sandalen mit Socken, stilsicher kombiniert mit Trekking-Hose und Angler-Weste, dazu eine historische No-Name Japan-Kamera, wahrscheinlich ein Vorkriegsmodell, seit anderthalb Generationen in Famlienbesitz, verpackt und zuhause in einer soliden Ledertasche, an der ein ebenso solides Taschen-Stativ baumelt. Die Kamera wird sogar vor meinen Augen eingesetzt, mit einer 50mm Standard-Optik ans beschlagene und gefrostete Flugzeugfenster gehalten, um Impressionen von New York bei Nacht auf Film zu bannen. Blende richtig eingestellt? -Dann los, klick, noch eins zur Sicherheit, klick , “brauch man eigentlich ja nicht, die Kamera macht heute noch immer Spitzenbilder, auch ohne digital!” unkt er mich an, als ich gerade mein Handgepäck sortiere und er meine 350D erspäht. ‘Ja nee, is klar, und zwei Fotos müssen auch echt reichen, dann ist nach 3 Wochen New York endlich der 36er Film voll. Komm, nimm lieber noch ein Plätzchen von deiner Mutti, die wird sonst noch fetter.’
Aber zurück zu meinen aktuellen Nachbarn. Unschlagbar, was mir da wieder das Schicksal (oder die Lufthansa aus reiner Bosheit?) hingepflanzt hat. Beide um die 70 und aus Rußland. Herzlichen Glückwunsch, das ist bei allem, was hier aus freiem Willen an Board gekommen ist, echt der Hauptgewinn. Kein Wort Deutsch sprechen die beiden, ganz zu schweigen von Englisch. Das stecke ich der total perplexen Stewardess, als die nämlich ihr Curry-Hühnchen oder die Rindsroulade nicht an die beiden loswurde. Ich vermittle, weil ich ja nunmal so ein lieber Kerl mit Helferkomplex bin und hoffe, daß ihnen die Rouladen genauso gut geschmeckt haben wie mir. Zwischen Donauwewllen und Einreiseformular nimmt die Dame, deren Figur am besten mit “breit wie hoch” umschrieben werden kann, offensiv Kontakt auf. Nach einer Weile des Aufmicheinredens auf Russisch verstehe ich sie sogar - soweit man das nach einem Lufthansa Gin Tonic und 5 Rotwein sagen kann. Sie fragt mich, ob ich Kinder habe, verheiratet bin, beklagt den Sitzabstand und das Fernsehprogramm (welches sie aus Versehen heute nicht auf Russisch ausstrahlen…), und kommt schließlich zur Sache und fragt, ob ich Deutscher sei. Ich bejahe auf Gutglück (”Da”) und die beiden freuen sich wie Plätzchen. Entweder haben sie mich gefragt, ob ich sie in Miami durch die Stadt führe oder -und das ist beinahe wahrscheinlicher- freuen sie sich wirklich. Als Deutscher erhält man glaube ich eher selten solche Reaktionen von Russen der Kriegsgenetation. Und während ich mir schon deren Kopf zerbreche, wie diese beiden wohl überhaupt die Einreise in den Sonnenstaat schaffen werden, rücken sie mit der Sprache raus, lüften endlich das Geheimnis: Sie sind auch Deutsche, eigentlich jedenfalls, und ihre Eltern haben Deutsch in der Schule gelernt, aber sie nicht mehr. -All dies bilde ich mir zumindest ein. Es ist durchaus möglich, daß der Rotwein sein Übriges dazu getan hat, aber ich habe es bewußt vermieden, meine aus 3 Wörtern bestehende Polnisch-Kenntnisse an den beiden auszuprobieren (”is ja fast wie russisch!”). Gleichzeitig setze ich für alle Eventualitäten des Rückflugs auf die Todo-Liste, mich wieder daran zu erinnern, was “ich spreche kein Polnisch” heißt. Wo die Oper ist, brauche ich jedenfalls sicher niemanden fragen. Wie konnte ich nur so dermaßen unvorbereitet auf Reisen gehen?!