Kampf der Kulturen

Noch 5einhalb Stunden sind es bis Miami, und offen gestanden möchte man angesichts des durchaus als “würzig” zu subsummierenden Geruches in der von meiner Lieblings-Airline betriebenen Boeing 747 am liebsten nur noch in einen komatösen Schlaf fallen oder aber sich mehr von der edlen Brause oder dem vergorenen Traubensaft aus der Boardküche holen. Kommt auf’s gleiche raus: Ausschalten oder zumindest Dimmen der Wahrnehmungsreize.
Eine geschlagene Stunde hat es gedauert, bis endlich jeder seinen Platz hatte. Etwas befremdlich ist das schon, denn meine Platznummer haben die von der Lufthansa mit beim Einchecken freundlicherweise gleich mit aufs Ticket gedruckt - die ahnten wohl, daß ich lieber am Schalter über meinen Sitzplatz verhandle als an Board. Da wurde munter umdisponiert, als ginge es um Hotelzimmer oder das Erbteil. “Ja aber mein Mann sitzt jetzt da hinten”, “Ich habe einen Gangplatz gebucht!”, “Nein, ich stehe hier überhaupt nicht mehr auf!”, “Es zieht hier so”, “Haben Sie noch einen Notausgang?” -und dazwischen die Herren und Damen in der Uniform mit dem Kranich, mit Engelsgeduld “Macht es Ihnen etwas aus, wenn…?” Ja, offensichtlich macht es den meisten sehr wohl etwas aus. Da treffen die Kulturen aufeinander. Keine 10 min sitze ich in diesem Flieger und schon habe ich mindestens fünf Sprachen gehört.
Da ist Rodriguez (ich habe natürlich keine Ahnung wie der Mann heißt, er ist jedenfalls totsicher ein Hispanic). Der hat den iPod auf den Ohren und wohl für den langen Flug extra seine persönlichen Greatest Hits draufgepackt. Jedenfalls intoniert er völlig unbeeindruckt von den anderen 100 Passagieren in unserem Kabinenabschnitt “ohhhh Mariaaaa, Mariaaaaa….” - muß ja ne ganz dolle sein, denn entweder hat er den Player auf Dauerwiederholung und jedes Lied handelt von Maria. Der spricht also Spanisch. Und Englisch, wie er seinem Sitznachbarn, der eigentlich nur versucht, seine Computerzeitung zu lesen, eindrucksvoll in kurzweiligen Plaudereien zu demonstrieren versucht. Er geizt dabei nicht mit Körpersprache, schließlich ist man auf 10300m und mit nur 10cm Schweißdrüsenabstand quasi Familie.
Vorne sitzt eine asiatische Mutter mit asiatischen Kindern. Die schlafen, was es nicht besser macht, daß mir beim Öffnen des Zeitungsfaches über ihnen die ganze Wochenauslage frischer Hochglanzmagazine entgegenkommt und unsanft auf ihrer Famile niederprasselt. Ich entschuldige mich höflich, schließlich ist es mir saupeinlich, daß gerade die GQ, das schwerste und am solidesten gebundene Magazin, ihrem Jüngsten mit der Bindekante auf den Kopf gefallen ist. Hilft nix, da muß er durch, und ihren Schimpfanfall auf einer Sprache, von der ich sicher nichtmal gehört habe, kann daran auch nichts mehr ändern. Von wegen, Asiaten seien so tempered. Bei den Bambini hört es wohl auf. Italiener sitzen schräg vor mir, haben Rastas respektive verfilzte Haare, sind unrasiert respektive ungewaschen und schlafen. Das “wie immer” verkneife ich mir jetzt nicht, denn wann immer ich junge Italiener reisen sehe, sehen die genau so aus: verlottert, verzottelt und garantiert noch nicht unterm Wasser gewesen heute.
Vor mir sitzt ein Finne mit seiner Frau. Wir mögen uns ab Sekunde eins schon nicht. Sowas gibts: Da steht man in der Security und hat nur einen Gedanken: Hoffentlich sitzt das Arschloch nicht neben mir! Tut er nicht, super, dafür sitzt er vor mir. Und da kann er mich noch viel besser ärgern. Hat wie ich sein Notebook offen und werkelt an einem Text, der sehr viele Jahreszalen enthält. Wie gesagt, ich halte ihn für einen Arsch, denn er stopft dauernd seine Decke und sein Kissen unter seinen Sitz, also zu meinen Füßen. Stört ihn gar nicht, findet er wohl normal. Gut, soll er sie haben, die Limburger! Er fliegt übrigens mit permanent nach hinten geklapptem Sitz. Das sorgt dafür, daß ich kaum aus meinem Sitz rauskomme, geschweigedenn meinen Text auf dem Bildschirm lesen kann, denn die Tastatur habe ich fast am Kinn. Also jetzt übertrieben gesprochen, aber so ähnlich. Kann ich was dafür, daß seine Frau 10 Jahre älter aussieht als er? Warum läßt er das an mir aus? Weil dieses Brett von Model-Italo-Spanierin mich beim Reinkommen angeschaut hat, während sie ihre Sitznummer gesucht hat? Immerhin war ich es nicht, der besagter Hammerfrau eine gefühlte halbe Stunde auf den Arsch geschaut hat!
Ein Hammer ist auch das Paar neben mir. Warum hab ich immer so ein Pech? Letztes Mal das Ehepaar, das mich mit Keksen gefüttert hat und über die ich aus Faulheit vergessen habe zu schreiben. Er Marke Erdkunde-Lehrer, in Sandalen mit Socken, stilsicher kombiniert mit Trekking-Hose und Angler-Weste, dazu eine historische No-Name Japan-Kamera, wahrscheinlich ein Vorkriegsmodell, seit anderthalb Generationen in Famlienbesitz, verpackt und zuhause in einer soliden Ledertasche, an der ein ebenso solides Taschen-Stativ baumelt. Die Kamera wird sogar vor meinen Augen eingesetzt, mit einer 50mm Standard-Optik ans beschlagene und gefrostete Flugzeugfenster gehalten, um Impressionen von New York bei Nacht auf Film zu bannen. Blende richtig eingestellt? -Dann los, klick, noch eins zur Sicherheit, klick , “brauch man eigentlich ja nicht, die Kamera macht heute noch immer Spitzenbilder, auch ohne digital!” unkt er mich an, als ich gerade mein Handgepäck sortiere und er meine 350D erspäht. ‘Ja nee, is klar, und zwei Fotos müssen auch echt reichen, dann ist nach 3 Wochen New York endlich der 36er Film voll. Komm, nimm lieber noch ein Plätzchen von deiner Mutti, die wird sonst noch fetter.’
Aber zurück zu meinen aktuellen Nachbarn. Unschlagbar, was mir da wieder das Schicksal (oder die Lufthansa aus reiner Bosheit?) hingepflanzt hat. Beide um die 70 und aus Rußland. Herzlichen Glückwunsch, das ist bei allem, was hier aus freiem Willen an Board gekommen ist, echt der Hauptgewinn. Kein Wort Deutsch sprechen die beiden, ganz zu schweigen von Englisch. Das stecke ich der total perplexen Stewardess, als die nämlich ihr Curry-Hühnchen oder die Rindsroulade nicht an die beiden loswurde. Ich vermittle, weil ich ja nunmal so ein lieber Kerl mit Helferkomplex bin und hoffe, daß ihnen die Rouladen genauso gut geschmeckt haben wie mir. Zwischen Donauwewllen und Einreiseformular nimmt die Dame, deren Figur am besten mit “breit wie hoch” umschrieben werden kann, offensiv Kontakt auf. Nach einer Weile des Aufmicheinredens auf Russisch verstehe ich sie sogar - soweit man das nach einem Lufthansa Gin Tonic und 5 Rotwein sagen kann. Sie fragt mich, ob ich Kinder habe, verheiratet bin, beklagt den Sitzabstand und das Fernsehprogramm (welches sie aus Versehen heute nicht auf Russisch ausstrahlen…), und kommt schließlich zur Sache und fragt, ob ich Deutscher sei. Ich bejahe auf Gutglück (”Da”) und die beiden freuen sich wie Plätzchen. Entweder haben sie mich gefragt, ob ich sie in Miami durch die Stadt führe oder -und das ist beinahe wahrscheinlicher- freuen sie sich wirklich. Als Deutscher erhält man glaube ich eher selten solche Reaktionen von Russen der Kriegsgenetation. Und während ich mir schon deren Kopf zerbreche, wie diese beiden wohl überhaupt die Einreise in den Sonnenstaat schaffen werden, rücken sie mit der Sprache raus, lüften endlich das Geheimnis: Sie sind auch Deutsche, eigentlich jedenfalls, und ihre Eltern haben Deutsch in der Schule gelernt, aber sie nicht mehr. -All dies bilde ich mir zumindest ein. Es ist durchaus möglich, daß der Rotwein sein Übriges dazu getan hat, aber ich habe es bewußt vermieden, meine aus 3 Wörtern bestehende Polnisch-Kenntnisse an den beiden auszuprobieren (”is ja fast wie russisch!”). Gleichzeitig setze ich für alle Eventualitäten des Rückflugs auf die Todo-Liste, mich wieder daran zu erinnern, was “ich spreche kein Polnisch” heißt. Wo die Oper ist, brauche ich jedenfalls sicher niemanden fragen. Wie konnte ich nur so dermaßen unvorbereitet auf Reisen gehen?!

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Bom Chicka Wah Wah

Es ist inzwischen Herbst geworden, und ich alter Kämpfer kämpfe immernoch mit meinem Knie, und das jahreszeitgemäß hauptsächlich im Fitnessstudio. Ja richtig: Eisenreis(s)en in der Muckibude, zwischen all den anderen hirn- und freundeskreislosen Individualisten (so nennt man ja heute Menschen, die keine sozialen Bindungen hinbekommen) gemeinsam verschwitzte Luft einatmen und aus Pudding Muskeln machen. Hat damals zumindest der Arni schon gesagt, ich glaube im Kindergartencop. Spielt auch weiter keine Rolle, denn man muß nicht unbedingt mit Trainingserfolg beseelt werden, um einen guten Abend da zu haben, manchmal reicht auch einfach schon der Anblick der anderen Leute. So wie im Sommer in der Fußgängerzone: Nix gekauft, aber einen Haiden-Spaß vom Zugucken gehabt. Keine Angst, ich zieh mir den Schuh des immer-lüsternden, gemeinen Zynikers gerne für meine Leser an, die dann umgekehrt in bestem Second-Hand-Voyeurismus meine Erlebnisse nachfühlen können.
Im Herbst rennen sie wieder alle ins Studio, gilt es doch, noch vor Silvester den guten Vorsatz vom letzten Silvester einzulösen: ‘Nächstes Jahr mach ich Sport’. Die Resultate dieser guten Vorsätze kann man im Sommer in jedem x-beliebigen Freibad oder Badesee, am Strand oder auch in den Fußgängerzonen begutachten. Kennt jeder, braucht man nicht weiter drauf eingehen. Da wird geschwabbelt was die Epidermis hergibt. Im Herbst jedenfalls wird dann all das in enge, eigens für diesen Zweck nagelneu angeschaffte, farblich meist unerträgliche Stretch-Sportdresse gezwengt. Und dann Atacke, ran an den Speck - im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein Highlight, nein, besser Fashion-Victim ist ein Mitt-Fünfziger mit klassischer Birnenfigur. Also oben extrem schmal, dann bis zur Hüfte stetig an Umfang zunehmend, der Übergang Love-Handles/Hintern bildet den Äquator, und darunter (er selbst sieht sich da nicht mehr) kommt wieder nix mehr. Der Typ trägt eine gelbe Trainingshose und kombiniert stilsicher ein ebenso gelbes T-Shirt. Er sieht darin aus wie Willi von Biene Maja, nur ohne Streifen.
Daß Schwitzen elementarer Bestandteil des Konzepts “Sport” ist, wird leider selten bedacht. So zerfließen bei den meisten Anfängerinnen buchtstäblich jegliche Bestrebungen, gleichzeitig dabei eine gute Figur durch optimales Styling zu machen: Makeup und Haarfrisur melden sich bereits beim ersten Trainingszyklus gnadenlos ab und sind darum als komplett überflüssig anzusehen. In engem Zusammenhang dazu steht die Nicht-Verwendung statisch höher belastbarer Unterwäsche, wie sie der einen oder anderen Dame etwa beim BodyAttack (neudeutsch für Schattenboxen), Aerobic-Gehüpfe oder schlichtweg auf dem Laufband die verfrühte Kapitulation des Bindegewebes im Brustbereich ersparen würde. Ich hab neulich gelesen, daß Brüste 17 cm hoch- und runterhüpfen können. Das ist eine Amplitude von 34cm im Extremfall - und diese Sorte Extremfälle tummeln sich dieser Tage vermehrt in den Kursen der Fitnessstudios. Komisch, ich muß seit Heinz Strunk’s “Fleisch ist mein Gemüse” immer an Busen-Maike (”Sie ist halb Mensch, halb Busen”) denken, wenn ich sowas sehe. -Übrigens, mir fällt beim Betrachten des Wortes “Fitnessstudios” auf, daß ich es für falsch geschrieben erachte, so auf den ersten Blick. Ist das was Ähnliches, wie wenn die Leute bei “Tischlampe” immer sofort erstmal “Schlampe” lesen?
In der Umkleide habe ich irgendwie immer den Spint neben Luigi. (Der Name wurde bewußt von der Redaktion geändert, weil ich seinen Namen gar nicht kenne.) Luigi ist ein waschechter Italiener, das kann ich mit Bestimmtheit von seinem unvergleichlichen Akzent ableiten. Und wäre da nicht der Akzent, so ginge bestimmt der Tricolore-Aufkleber auf seinem rosso-roten Alfa Romeo 155 als eindeutiges Merkmal durch. Oder eben seine imposante Körperbehaarung, an der sich sicher bereits die vierte Generation von Remington Langhaarschneidern buchstäblich die Zähne ausbeißt. Er ist ein lieber Kerl, isse immere feundelisch su mire (auch da muß ich immer an den Antonio Marcipane aus “Maria, ihm schmeckts nicht” denken!). Aber Luigi erinnert mich extrem an einen dieser römischen Offiziere aus Asterix. Wißt Ihr noch? -So mit Streichholz-Beinchen und einem gewaltigen, V-förmigen Oberkörper, der den darauf sitzenden, extrem runden Kopf einfach nur komplett unterdimensioniert erscheinen läßt? DAS ist Luigi! Toller Mann, würde er sich nicht, bevor er sich selbst auf die sicher schon erwartungsvoll sabbernde Frauenwelt losläßt, noch einmal so richtig von oben bis unten (ja! richtig gelesen, is kein Scherz, auch wenn Männer untereinander über Umkleide-Erlebnisse den Mantel des Schweigens ausbreiten…) mit Axe einräuchern würde. Ja Luigi, Sie haben alle Düfte verbessert, Bom Chicka Wah Wah, viel hilft sicher viel!