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Hoffnungslose Fälle

Im Zeitalter der Mediokratie nehmen die Bemühungen um Unterhaltung (neudeutsch: Entertainment) zuweilen seltsame Auswüchse an. Keine Angst, der Autor wird sich im Folgenden keineswegs über Castingshows oder die Rhetorik von MTV-Moderatoren auslassen, auch werden die 0190-Sozialhilfepornos nicht Gegenstand der Kritik werden, nein, vielmehr besorgt mich das Niveau, auf dem selbsternannte Quizsender unterwegs sind. 9Live nennt sich eine dieser Krankheiten, der für sich in Anspruch nimmt, Deutschlands erster Quizsender sein zu wollen. Wer beim Stichwort “Quiz” allerdings an Hans-Joachim Kulenkampf, Hans Rosenthal, Wim Toelke, von mir aus auch an Günther Jauch und Jörg Pilawa denkt, dem kann ich gar nicht sagen, wie falsch er damit liegt! Denn diese Herren glänzten und glänzen noch durch wenn nicht spannende, dann wenigstens hochwertige Unterhaltung im wörtlichen Sinne. Zurecht mag die Bezeichnung “Quiz” dann gelten, denn darunter versteht man gemeinhin Fragen- und Antwortspiele, so der Duden. Jedoch muß dabei eines beachtet werden, und das wußte man schon im alten Rom, wo ‘Brot und Spiele’ eine längere Tradition hatten: Quod licet Iovi, non licet bovi - was Jupiter erlaubt ist, ist nicht dem Ochsen erlaubt.


Der unterhaltungssuchende 9Live-Zuschauer hat extremes Glück, wenn er zum Sprachen-Quiz einschaltet. Der Moderator scheint zumindest den Realschulabschluß zu haben, zur Sicherheit ist als Backup noch ein intellektuell wirkender älterer Herr anwesend, der per Untertitel als Professor Sowieso der Universität Markheidendorf ausgewiesen wird. Stopp! Hat Markheidendorf überhaupt eine Universität? An derartigen Fragen sollte man sich erst gar nicht aufhalten, schließlich handelt es sich hier um ein Produkt der Traumfabrik Fernsehen, und Sean Connery war privat auch nie im Dienste des Britischen Geheimdienstes tätig. Es gilt einen Begriff aus dem Französichen zu lösen, dent de sagesse. Der erste Anrufer, der aus 49 Cent für den Anruf 2500 Euro machen möchte, hat leider Pech, denn sein Lösungsvorschlag von ‘Zahnpasta’ ist leider falsch. Es folgen noch fünf andere Kuriosa, wo man sich nur fragen kann, wer so blöd ist, auf gut Glück anzurufen, wenn man nichtmal ein wenig Französisch kann. Unser Professor wird langsam ungeduldig und schlägt vor, sich dem Begriff durch herleiten der Teilwörter zu nähern. Wieder Fehlanzeige. Schließlich nimmt er die Sache selbst in die Hand und klärt all diejenigen, die mittags um 12 vor dem Fernseher sitzen können darüber auf, daß der Begriff von lateinisch dens, dentis herrürt, man denke doch mal an die veraltete Berufsbezeichnung Dentist. Bevor der Moderator ihn abwürgt, schlägt er vor, den zweiten Teil doch von ‘weise’ abzuleiten. Ich zähle ohne Kenntnis der Französischen Sprache eins und eins zusammen und löse richtig auf: Weisheitszahn. Bingo. Es dauert noch vier Anrufer, bis die Lösung schließlich zum Wucherpreis von 4500 Euro über den Aether geht. Applaus - ganz toll gemacht! Welch eine Leistung.
Richtig anspruchsvoll sind die anderen Obstakel, mit denen 9Live um die Gunst der Zuschauer und die Anhäufung von Kapital ringt. Irrgarten und Labyrinth-Rätsel, Puzzle, oder “Wie viele Fehler sind im rechten Bild versteckt” haben allesamt den großen Vorteil, daß dabei der Moderator im Splitscreen-Fenster nur noch auf Briefmarkengröße in der oberen rechten Ecke des Bildschirmes zu sehen ist. Sein niveauvoller Redeschwall allerdings bleibt dem Zuschauer nicht erspart, immer wieder und immer lauter und heftiger feuert er die Leute an, doch endlich den Hörer zu nehmen und 49 Cent auf das Konto des Senders zu schaufeln, schließlich wisse man doch die Lösung! Derweil spielen sich Dramen in deutschen Wohnzimmern ab, wenn der Vater, den Kartoffelchips-fettigen Finger auf der Mattscheibe dem Labyrinth nachfahrend, seinen Kindern beim Rätseln hilft, und die Mutter beklagt, daß sie erst heute Morgen mit Sidolin die Spuren vom Vortag beseitigt hätte. Schließlich scheint die Lösung gefunden, doch der Vater zögert, “erstmal hören, was der nächste Anrufer sagt, man weiß ja nie”. Die Kinder flehen ihn an, doch sofort anzurufen, die Mutter stellt Ultimaten, mit dem Blödsinn aufzuhören und gibt schlußendlich entnervt auf, als der Vater zu wählen beginnt. Der Moderator beschwört erneut die Nation, es sei kein Anrufer in der Leitung, er könne das nicht verstehen, es sei doch soooo einfach! Der Vater versteht es auch nicht, denn er hört seit fünf Minuten die Warteschleife von anderen Mitstreitern. Nach einer weiteren Minute und 500 Euro mehr Gewinnsumme schlägt der Moderator mit dem Kommentar “na endlich hab ich jemanden” zu, das heißt, er wählt per Zufallsgenerator einen Anrufer, dessen Vorwahl vom System einer bildungsschwachen, sozial problematischen Arbeitergegend zugeschrieben wird, aus. Unser Glückspils gewinnt für die geistige Meisterleistung 1000 Euro und scheitert am 17000 Euro Jackpot-Spiel. Unser Vater tupft seinen Kindern die Tränen.
Na also! DAS nenn ich dochmal Unterhaltung für die ganze Familie. Da hat jeder seinen Spaß, und man kann richtig was lernen. Da kann sogar der Hauptschüler punkten, wenn es wieder heißt “Wie fiehle Rächtschreipfehler sind in diesem Sads värstekkt?” Das ist ganz großes Tennis für den geübten Quizer. Allein im ersten Satz zähle ich mehr Fehler, als die ersten drei Kandidaten für den gesamten Textabschnitt attestieren. Es ist schlicht hanebüchen, welche Abgründe sich dort auftuen. Daran ändert auch Frau Lehrerin nichts, die Nachmittagsdomina im Klassenzimmer mit grüner Tafel und dem Rohrstock in der Hand. Sie sieht aus, als würde sie selbst allenfalls den Klappentext ihrer Fernsehzeitung lesen können, und spielt dort die belesene Germanistin. Dabei leistet sie sich allein sprachlich unglaubliche Schoten, von denen man nicht möchte, daß sie junge, noch illiterate Menschen in ihren Sprachductus übernehmen.
Wie blöd ist eigentlich diese Nation? Sollte es sich etwa mit der Bildung so verhalten wie mit dem Wetter? Ich bin sicher, daß es vor dem Beginn der Wetteraufzeichnungen Anfang 1900 noch heißere Sommer und noch kältere Winter gab - also muß es auch in Zeiten der Pisa-Studie Leute geben, die vor Pisa eine miserable Schulbildung erfahren haben, anders ist diese Massenverblödung nicht zu erklären. Angesichts dieses Senders, und unter der Premisse “Kein Produkt ohne Markt - kein Markt ohne Produkt” gibt es also Leute, die diese vergebliche Verschwendung von Sendezeit unterhaltsam finden. Und Attribute wie Schwierigkeitsgrad und pädagogisch wertvoll lassen sich beim besten Willen keineswegs vergeben. Heißt es nicht, der Mensch wachse an seinen Aufgaben? Gibt es keine Studien, nach denen aus Föten, die schon früh Mozart und Beethoven gehört haben, intelligentere Kinder werden? Denn wenn das so ist, dann verbietet diesem Sender, Tag für Tag die Menschen zu unterfordern und so zu verblöden! Denn vor den Menschen, die bei 9Live anrufen und die falsche Antwort geben, habe ich ab heute Angst!

Am 10. September 2003 geschrieben in Spaßgesellschaft | Kommentar

1 Kommentar zu “Hoffnungslose Fälle”

  1. am 15 Sep 2003 um 17:111Alice

    “Daaaaaas gaaaaaanze Leben ist ein Quiz und wir sind nur die Kandidaaaaten….. *lalala*” :-)

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