85 Euro und 10 Cent
Geschrieben in Traumdieb & Umwelt am 3. April 2004 Kommentar »
Ich habe heute 10 Cent für eine Dienstleistung bezahlen müssen, die ich bisher für mehr als selbstverständlich gehalten habe: Brotschneiden. Ich dachte, ich höre nicht richtig, als die Konditoreiwarenfachverkäuferin einer großen Aachener Bäckerei mir den Preis für die geschnittene Eifelkruste nannte. Ich hab das dann auch leider freiwillig bezahlt, mir aber dann fast den Kopf abgeschüttelt, völlig schockiert über den Erfindungsreichtum sogenannter Gewerbetreibender. Das ist in etwa das selbe wie das Beratungshonorar für eine Terminabsprache auf der Arztrechnung. Suchte ich noch vor ein paar Wochen in Bamberg eine Bäckerei, die überhaupt eine Brotschneidemaschine gehabt hätte, weiß ich heute, wofür ich 10 Cent investiert habe. Wahrscheinlich erhalte ich damit langfristig eine Lehrstelle…
Anders sieht es aus, wenn man sich eine halbe Stunde im Lust for Live aufhält. Ein Laden, der der bestsortierteste der Republik sein muß, wenn es um Dinge geht, die entweder komplett häßlich sind oder mir nicht passen.
Wie war das noch noch? -”Gibt es diese Schuhe auch in schön oder dieses T-Shirt ohne Aufdruck? Wenn ich lesen will, kaufe ich mir ein Buch!”
Wer sich wundert, wo denn die ganze Kaufkraft und -bereitschaft deutscher Konsumenten geblieben ist, der soll einer der trendig-hippen, übermotivierten Verkäuferinnen mit schier unglaublichem Dekolltee (zugegeben, wir sind schließlich nicht im Frauenknast) beobachten, wie sie den Leuten mit Geschmack und vor allem Geldbeutel die Jeans auf die Arme packen und in Richtung Umkleide dirigieren. -Die sollten sich nach Akkord bezahlen lassen! Das Jeansregal hat eine sensationelle Turnover-Rate, da 50% der Ware permanent im Laden rotiert. Es verwundert angesichts des schlechten Konsumklimas umso mehr, daß dort die Hosen von Hilfiger, Pepe und Diesel -kein Modell unter 85 Euro- rausgetragen werden wie Apfelsinen. Oder machen die das alle auf Pump?
Ich war heute mit Alice auch bei Kookaї drin. Vorsicht, keine voreiligen Schlüsse! -Gelockt von einem großen “50%”-Banner. Daß ich mich -sehr vorsichtigt ausgedrückt- mit der aktuellen Mode, gerade der für Frauen, ein wenig schwer tue, ist bekannt. Auch mir. Aber daß man in noblen Läden mit einer Couture konfrontiert wird, die eher an Altkleidersammlungen für Afghanistan oder an Secondhandläden erinnert als an hochwertige Schnitte und Materialien, stellt mich verwundert einmal mehr vor die Frage, in welcher Welt ich eigentlich lebe. Abgewetzte Jeans kosten extra, und ausgewaschene Shirts gehen auch zum Cashmere-Zweiteiler, solange sie nur von einer hippen Marke sind, völlig egal wie scheiße das Endergebnis aussieht. Da tragen die mindestens homosexuellen Schaufensterpuppen bei Esprit doch tatsächlich hellgrüne Nicky-Cardigans! Ich seh den Schund jetzt schon im Ausverkauf in den Wühltischen oder den einen oder anderen Erstsemester aus Köln hier an unserer Uni mit rumlaufen…
Und dann die mittlerweile dritte Auflage der Vintage-Seuche. Erst 80s, dann 70s, und jetzt 60s. Ich rege mich nicht mehr über die Wucherpreise für die Wiederauflage der Turnschuhe, für die man damals bei uns in der Grundschule Prügel bezogen hat und nach dem Turnunterricht in die Toilette gesteckt wurde, auf. Nein, das ist passé. Schon lange. Soll doch jeder das tragen, womit er seine Vergangenheit verarbeiten kann!
Heute hab ich dann den wahren Knaller gesehen: original Adidas Turnbeuteltaschen. Die mit den Adidas-Logos in der oberen Ecke und dem Trageriemen. Damals maximal 20 Mark. Mehr hätte auch keiner für ein Stück stinkenden Textilverbund mit billigem Siebdruck, messerscharfem weil total minderwertigen Reißverschluß, und “Made in China”, in das nur ein Paar nicht allzugroßer Turnschuhe (am besten Adidas “Samba”) und ein T-Shirt paßt, freiwillig gezahlt. Heute 35 Euro. -Und ‘paar auf’s Maul für jeden, der das bezahlt, wenn es nach mir ginge. Herr, laß Hirn regnen!
